Wenn der Kinderwagen der Bahnsteigkante zu nahe kommt

Wie Videoanalytik den sicheren und effizienten Betrieb im Schienenverkehr und an Bahnhöfen gewährleisten kann

 

Carl Pocknell 

Head of Engineering

Panasonic System Solutions Europe

 

 

Wie hoch der Stellenwert des Schienenverkehrs in der Transportpolitik der britischen Regierung ist, zeigen Projekte wie „HS2“ (HighSpeed2), die geplante Hochgeschwindigkeitsstrecke London-Manchester/Leeds, und „Crossrail“, die noch in Bau befindliche Ost-West-Regionalexpresslinie im Großraum London. Mit den im Rahmen des Netzausbaus steigenden Passagierzahlen steigt jedoch auch der Gefährdungsgrad im Schienennetzbetrieb. Zwar zeichnen Tausende Kameras an den Verkehrsknotenpunkten Großbritanniens permanent alles auf, doch diese Aufzeichnungen manuell auszuwerten und das Bedrohungspotenzial jedes einzelnen Passagiers einzuschätzen, ist eine nahezu unmögliche Aufgabe.

Zahlreiche Faktoren können dazu führen, dass etwas übersehen wird oder Fehler passieren, zum Beispiel durch minderwertige Kameras mit schwacher Auflösung oder durch das Fehlen zuverlässiger automatisierter Erkennungs- und Warnsysteme. Die in Großbritannien installierten Überwachungskameras werden trotz ihrer enormen Zahl – über fünf Millionen landesweit – größtenteils immer noch manuell verwaltet und gesteuert. Unkontrollierbare Menschenmengen, Kleinkriminalität und Suizidfälle sind nach wie vor eine große Herausforderung, wenn es darum geht, die Passagiere zu schützen und den reibungslosen Bahnbetrieb sicherzustellen.

Gefragt ist deshalb anpassungsfähige Technologie, die schneller auf Umgebungsveränderungen reagiert. Sie gibt bei Zwischenfällen automatisierte Alarmmeldungen an die zuständigen Mitarbeiter aus und verschwendet keine Zeit und Ressourcen durch Fehlalarm. Die von solchen Systemen ausgegebenen Warnungen basieren auf Informationen, die dem Operator fundierte Entscheidungen in Echtzeit ermöglichen. Videoanalysen erleichtern das Management von Sicherheitssystemen.

 

Unbeaufsichtigte Gepäckstücke und Bewegungserkennung

Die Analysesoftware von Panasonic erkennt und meldet unbeaufsichtigte Gepäckstücke im öffentlichen Raum automatisch, indem sie den Kamera-Feed auf die jeweils betroffene Kamera schaltet und damit eine schnellere und qualifiziertere Reaktion der Mitarbeiter auf den gemeldeten Vorfall ermöglicht. Gefährdete Personen im Rollstuhl oder mit Kinderwagen werden ebenfalls von der Software erkannt, die Alarm auslöst, wenn der eingestellte Mindestabstand von der Bahnsteigkante überschritten wird. Anhand bestimmter Verhaltensmuster erkennt die Software auch Betrunkene und unterstützt wiederum den gezielten Personaleinsatz im Bahnhofsbereich. Bei polizeilichen Ermittlungen ermöglicht sie zudem die schnellere Auswertung des Videomaterials, ohne Sichtung stundenlanger, oft irrelevanter Aufzeichnungen.

 

Zutrittswarnsystem

In einem Zutrittswarnsystem werden vandalismusgeschützte Kuppelkameras von Panasonic zusammen mit Wärmebildkameras eingesetzt. Die Kameras kombiniert man mit einer Software, die unbefugte Zutritte und herumlungernde Personen in virtuellen Zonen automatisch erkennt. Jeder Eindringling und jede verdächtige Aktivität in zutrittsbeschränkten Bereichen wird so erfasst und der Betreibergesellschaft gemeldet.

Das System teilt Bahnsteige in Zonen auf, sodass Personen, die bestimmte festgelegte Bereiche betreten, den Start einer Kamera mit Schwenk-, Neige- und Zoomfunktion auslösen, die sämtliche Bewegungen aufzeichnet. Außerdem gibt das System über eine Lautsprecheranlage ein akustisches Signal ab, das Unbefugte sowohl abschrecken als auch warnen soll. Dadurch werden deutlich weniger Fehlalarme ausgelöst als in vergleichbaren Systemen. Bei den UK Rail Innovation Awards 2017 wird das System als Finalist in der Kategorie „Passenger Safety“ geführt.

 

Gesichtserkennung

Konventionelle Überwachungssysteme erfordern das Abspielen und Sichten enormer Mengen an – oft wertlosem – Videomaterial. Mit der Gesichtserkennungssoftware WV-ASF900 von Panasonic dagegen werden alle auf einer Blacklist geführten Personen automatisch erkannt und gemeldet. So ist es den Verantwortlichen möglich, sofort gezielt auf das Videomaterial des betreffenden Bereichs zuzugreifen und die Suche auf ein bestimmtes Gesicht und Zeitfenster einzuengen, ohne stundenlanges Videomaterial sichten zu müssen. Im Schienenverkehr eingesetzt, hilft das System an einzelnen Bahnhöfen oder Haltestellen wiederholt auffällige sowie gefährdete Personen anhand sicherer Daten zuverlässig zu erkennen, sodass Mitarbeiter oder Polizeikräfte gegebenenfalls sofort eingreifen können.

 

Intelligentes Speichermanagement

Die meisten Bahnhöfe und Schienenverkehrsknotenpunkte sind mit Hunderten Kameras ausgestattet, die rund um die Uhr aufzeichnen und Videomaterial mit relativ hoher Auflösung liefern. Dabei fallen große Datenmengen an, die entsprechend viel Speicherplatz und Bandbreite erfordern. Durch „Smart Coding“ kann das System die hohe Auflösung auf tatsächliche Vorkommnisse beschränken und längere irrelevante Passagen in niedrigerer Auflösung aufzeichnen. Dies ist dank VIQS-Technologie („Variable Image Quality on Specified Area“) sogar innerhalb eines Frames möglich, sodass die Anwender spezielle Bildbereiche auswählen und diese in hoher Qualität streamen können. Die Bereiche außerhalb des gewählten Bildausschnitts werden in niedrigerer Qualität übertragen, was die Dateigröße beim Streamen reduziert. Auch dies wird von Smart Coding unterstützt und reduziert die Datenmenge zusätzlich.

 

Kamera-Tracking

 

Panasonic-Netzwerkkameras für innen und außen sind optional mit einer Auto-Tracking-Funktion ausgestattet. Sie können ein Objekt verfolgen, solange es sich im Kamerasichtfeld bewegt. Wenn es das Sichtfeld verlässt, gewährleistet das proprietäre Inter-Kamera-Protokoll von Panasonic dafür, dass eine andere Kamera die Verfolgung fortsetzt usw. Hinzu kommt die Erkennung von Szenewechseln, das System stuft es also als Bedrohung ein, wenn eine Kamera bewegt oder ihr Objektiv abgedeckt wird. Befindet sich in der Nähe eine weitere Kamera, kann das System sie als Ersatz ansteuern und die Überwachung mit dieser Kamera fortsetzen.

 

 

Blick in die Zukunft

Intelligente Technologien sind heutzutage für Mitarbeiter und verantwortliche Behörden im Schienenverkehr unverzichtbar, um mit Bedrohungen umzugehen und auf Zwischenfälle zu reagieren. Langfristiges Ziel sollte jedoch sein, Systeme zu entwickeln, die nicht allein der Sicherheit dienen, sondern auch für mehr Komfort schaffen und Betreibergesellschaften und Kunden intelligente Entscheidungshilfen bieten.

 

Dieser Artikel wurde unsprünglich veröffentlicht in Transport Sectec Zeitschrift