• Ein Tango bei ISO 5000

Ein Tango bei ISO 5000

Eine Besprechung von Frank Barbian d.o.p.

Test Shooting VaricamLT + Zeiss Compact Zooms Tango from F.Barbian on Vimeo.

Alles begann auf der Micro-Salon Ausstellung 2016, einer Messe, die vom Verband der französischen Kameraleute (AFC) veranstaltet wurde. Ort der Veranstaltung waren die historischen Hallen der früheren Pathé Studios, in denen heute die nationale französische Filmschule La FEMIS in Paris untergebracht ist. Die Gänge und Studios, die normalerweise nur durch eine kleine Gruppe sorgfältig ausgewählter Studenten genutzt werden dürfen, sind einmal im Jahr überfüllt – dann, wenn sich dort nicht nur alle französischen Kameraleute, sondern auch Besucher und Hersteller aus ganz Europa versammeln. Als ich einen eher oberflächlichen Blick auf die neuen Kompaktzooms von Zeiss warf, schlug mir Produktmanager Christophe Casenave vor, diese zu testen. Das war zwar ein sehr freundliches Angebot, aber ich war an technischen Tests und Diagrammen zu Filmaufnahmen sowie Belichtungsreihen nicht sonderlich interessiert. Ich wollte die Dinge eher von der praktischen Seite aus betrachten. Daher wartete ich ab, bis sich eine Chance bot.

Wenige Wochen später wurde ich durch den AFC, den Verband der französischen Kameraleute, zu einer Präsentation der neuen VariCam LT eingeladen, die durch Luc Bara, dem Spezialisten für die Panasonic VariCam in Europa, gehalten wurde. Das vorgestellte Produkt faszinierte mich: eine professionelle Kamera mit geringem Gewicht,  einer doppelten nativen Empfindlichkeit von ISO 800 und 5000 und einer Bildqualität, die auf dem großen Bildschirm einer 4K-Projektion einen guten Eindruck hinterließ.

Von Zeit zu Zeit diskutiere ich mit Regisseuren: In vielen Fällen gibt es zwar ein großartiges Drehbuch, aber nur wenig Geld und Chancen, auch nur annähernd an das Budget eines echten Spielfilms mit voller Laufzeit heranzukommen.

Die einzige Möglichkeit für diese Art von Filmen liegt in der Aufnahme mit einen sehr kleinen Team innerhalb nur weniger Tage. Dabei wird weitgehend das Umgebungslicht genutzt und durch einige kleine zusätzliche Beleuchtungseinrichtungen ergänzt. Aber auch die Nachbearbeitung ist ein wichtiges Thema, da das Aufnehmen im RAW-Format zwar sicherlich eine komfortable und sichere Methode darstellt, aber hohe Anforderungen an Datenmanagement und Nachbearbeitung stellt.

Die VariCam LT mit ihrer internen 4K AVC-Intra 4:2:2-Aufzeichnung könnte die geeignete Kamera sein, um in Kombination mit lichtstarken Zoomobjektiven wie dem Zeiss CZ.2 T.2,9 diese ganz speziellen Herausforderungen zu erfüllen.

Daher begann ich, meine Probeaufnahme neu aufzusetzen: Ein Ort in Paris mit geeignetem Licht aus dem städtischen Umfeld für eine gut ausgeleuchtete Außen-/Nachtsequenz und verschiedene Perspektiven um eine große Tiefe für Aufnahmen mit einem langen Brennweitenbereich zu ermöglichen. Dazu noch mehrere Lichtquellen in großer Entfernung, um „schwarze Löcher“ zu vermeiden und einen Bokeh-Effekt in den unscharfen Bereichen des Bilds zu erzeugen.

Man sollte erwarten, dass eine Vielzahl von Plätzen diese Anforderungen erfüllen, aber es gibt tatsächlich nur sehr wenige - hauptsächlich aufgrund einer französischen Besonderheit: Natriumdampflampen sind allgegenwärtig. So wies das Licht an meinen möglichen Aufnahmeorten überwiegend eine intensive orange Farbtönung auf, was nicht die besten Farbbedingungen für eine Probeaufnahme darstellte. Schließlich fand ich den idealen Ort auf der Pont des Arts über der Seine: weißes Laternenlicht auf beiden Seiten meiner Szene, weite Perspektiven über den Fluss, beleuchtete Baudenkmäler und weit entfernte Lichtquellen rundum.

Ich habe mir noch einige Zeit überlegt, was ich aufnehmen wollte, da ich keine fiktionale Szene schreiben, dafür aber das Team sehr klein halten wollte. Da ich argentinischen Tango liebe, hatte ich die Möglichkeit, mit meinen Tangolehrern Irene Moraglio und Patrice Messirel, den französischen Meistern des Jahres 2016, gemeinsam an einer Choreographie zu arbeiten, um die Schönheit ihres Tanzes zu filmen. Und dadurch wurden alle Anforderungen an meine Tests abgedeckt: Gesichter, Körper in Bewegungen, strukturierte Stoffe, bunte Kostüme und ein großer Bereich an unterschiedlichen möglichen Bildausschnitten …

Das Wichtigsten war mir jedoch, das Verhalten des Systems bei einer praktischen Außen- bzw. Nachtaufnahme zu testen: Wie sieht es mit Handhabung, Arbeitsgeschwindigkeit, Menükomfort, Aufzeichnung, Zubehör usw. aus? Handelt es sich wirklich um eine professionelle Kamera verglichen mit anderen Modellen wie Alexa, F-55 oder Red? Als zweiten Punkt interessierten mich Belichtung und Bildqualität. Wie würde die bei ISO 5000 erzeugte Körnung auf einer großen Leinwand aussehen? Was leisten die beiden Haupt-Codecs der Kamera: Der spezielle AVC-Intra 4:2:2 4K von Panasonic und ProRes 4:4:4 HD? Wie sieht es mit der Zeitlupe aus? Höhere Aufnahmegeschwindigkeiten als 60 fps auf der VariCam LT erfordern eine Verkleinerung der genutzten Aufnahmefläche auf dem Chip und einen stärker komprimierten Codec, den AVC-LT. Daher traf ich die Entscheidung, Aufnahmen bei 100 fps näher zu betrachten.

In Zusammenarbeit mit Plani Presse, einem Verleih für Filmtechnik mit Sitz in Paris, führten wir einige Vorab-Tests aus und komplettierten unser Zubehör. Wir hatten rund vier Stunden zwischen dem Eintritt der völligen Dunkelheit und Mitternacht, dem Zeitpunkt, zu dem die Beleuchtung aller Sehenswürdigkeiten in der Umgebung abgeschaltet wird. Glücklicherweise war der Himmel an diesem Tag bewölkt. Das hatte nicht nur den Vorteil, dass die Wolken das Tageslicht früher verdunkelten, sondern verhinderte auch längere Zeit, dass sich der Himmel blau verfärbte. Zudem wurde der bedeckte Himmel durch die Lichter der Stadt erleuchtet und erhielt dadurch eine gewisse Struktur. In den fertigen Bildern ist dieser Himmel ideal geeignet, um das Ausmaß der Körnung bzw. des Rauschens für einen bestimmten ISO-Wert zu beurteilen.

Nach dem Aufnehmen und Bearbeiten fuhren wir mit der Farbkorrektur fort, die durch CineMage (VideoMage-Gruppe, ein Partner von AFC) angeboten wurde. Dort bearbeitete Jérôme Valdire die Aufnahmen in 4K auf einer Leinwand mithilfe eines DaVinci Systems. Wir waren ziemlich überrascht, in welchem Umfang sich Körnung und Rauschen verringerten, sobald wir mit der Farbkorrektur der mit VLog aufgenommenen Bilder begannen. Während der Aufnahme wirkten die kontrastarmen Bilder mit ihren grünlich-gräulichen Farbtönen bei ISO 5000 auf dem Monitor eher erschreckend, sodass wir zu Vergleichszwecken für einige Aufnahmen zu ISO 3200 wechselten. Aber nachdem Jérôme die Farbkorrektur ausgeführt hatte, war die Körnung zwar nicht verschwunden, wurde aber weniger und fügte sich irgendwie in das Bild ein, sodass sogar eine Struktur mit einem gewissen Charme entstand.

Natürlich hängt es immer von der Art des Films ab, der gerade aufgenommen wird, von den kreativen Entscheidungen und ob man diese Art von Kornstruktur bei ISO 5000 akzeptiert oder nicht. Die Art von Filmen, für die ich die VariCam LT getestet habe, verleiht dieser Struktur aber einen interessanten zusätzlichen Stil. Und ich muss in diesem Zusammenhang zugeben, dass ich noch nicht einmal etwas unternommen habe, um die Kornbildung zu verringern, beispielsweise durch Überbelichten, und dass wir noch nicht einmal einen Rauschfilter in der Nachbearbeitung eingesetzt haben …

Ein weiterer sehr interessanter Punkt war der Vergleich der Codecs. Bei der Korrektur von zwei Weitwinkelaufnahmen auf einer 4-Meter-Leinwand, eine mit 4K AVC-Intra 4:2:2 und die Andere mit HD ProRes 4:4:4 aufgenommen, waren wir vom geringen Unterschied bei der Bildqualität hinsichtlich Auflösung, Schärfe und Kontrast ziemlich verblüfft. Selbst beim Vergrößern konnten wir fast keinen Unterschied erkennen. Die ProRes Datei hat eine geringfügig steilere Gamma-Kurve, während bei AVC-Intra die Kontraste etwas schwächer sind. Letztlich besteht der Hauptunterschied zwischen beiden Aufnahmen darin, dass der AVC-Intra Codec bei der Farbkorrektur mehr Komfort bietet und eine größere Abweichung von den Originaleinstellungen ermöglicht, was zu einer höheren Konsistenz der Bildqualität führt.

Da der Sensor der VariCam ein Seitenverhältnis von 17:9 aufweist, bedeutet das Aufnehmen mit HD ProRes, dass um 5 % gezoomt werden muss, um beim Mischen dieser Formate in einem Clip dasselbe Seitenverhältnis beizubehalten.

Eine deutlichere Verschlechterung der Bildqualität ist bei Zeitlupen-Aufnahmen mit mehr als 60 fps festzustellen. Obwohl die VariCam LT die volle Sensorgröße bietet und volle AVC-Intra Aufzeichnungen mit bis zu 60 fps unterstützt, können höhere Bildfrequenzen nur durch eine Verkleinerung des Aufnahmebereichs des Sensors und Aufzeichnen in einem leichteren, stärker komprimierten AVC-LT erzeugt werden - was Zeitlupenaufnahmen mit bis zu 240 fps ermöglicht. Beim Testen dieser Funktion mit 100 fps beobachteten wir während der Farbkorrektur anhand einer Vergrößerung, dass dieser Codec im stärkeren Umfang Farbcluster in den Schattendetails erzeugt. Das ist angesichts der gigantischen Größe des 4K-Datenflusses bei diesen hohen Frequenzen auch kein Wunder. Diese Bilder konnten jedoch nach entsprechender Nachbearbeitung nahtlos integriert werden.

Hardwareseitig stellten wir bei diesen Testaufnahmen fest, dass der Objektivanschluss, der den Wechsel zwischen PL und EF ermöglicht, an einem Außenaufnahmeort nicht wirklich komfortabel genutzt werden kann. Der Grund besteht darin, dass die winzigen Verriegelungsschrauben leicht herausfallen können und eine der Schraubenbohrungen nur mit einem Schraubendreher zugänglich ist, da der Zugang durch das Filterrad blockiert wird. Somit ist der Wechsel des Objektivanschlusses möglicherweise eine Option bei Aufnahmen in Innenräumen oder Studios  - er ist aber im Außenbereich mit gewissen Schwierigkeiten verbunden. Nichtsdestotrotz  ist es eine großartige Funktion für Verleiher von Ausrüstung, wenn beide Systeme dauerhaft genutzt werden können.

Ein Hauptvorteil der VariCam LT ist ihr kleines und kompaktes Leichtbau-Gehäuse, das ohne Griffe und Zubehörteile nur 2,7 kg wiegt und sogar den Einsatz der Kamera auf einem Gimbal-System erlaubt.

Das Kamerasystem fährt schnell hoch und kann über die inzwischen allseits bekannte Menüoberfläche bedient werden, die an vielen professionellen Kameras wie Alexa und F-55 verwendet wird. Dies ist eine gute Nachricht für Kamerabediener, aber die beste Neuigkeit ist, dass Panasonic die VariCam LT mit einem ausgezeichneten Sucher ausgestattet hat, der ein sauberes und scharfes Bild mit ausgezeichneter Kontrastwiedergabe auf einem 0,7’’-OLED-Panel mit 1280 x 720 x 3 (RGB) Pixeln bietet. Zudem ist eine Falschfarbenfunktion auf Basis von V-Log und anamorphotischer Entzerrung vorhanden. Der einzige Schwachpunkt ist meiner Ansicht nach der Augensensor, der die Abschaltung der OLED zulässt, wenn der Bediener den Kontakt unterbricht. Um nochmals auf das Okular zurückzukommen: Der elektronische Sensor benötigt etwas zu viel Zeit, um sich wieder einzuschalten, was unter schnellen Aufnahmebedingungen etwas störend sein kann. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass dies durch Panasonic bald in weiteren Software-Upgrades behoben wird.

Hinsichtlich der besonderen Anforderungen der Art von Projekten, für die wir diese Kamera getestet haben, ist die VariCam LT eine sehr interessante Option: Sie überzeugt nicht nur mit einem charmanten Bildstil, der sich als filmisches Mittel eignet, sondern bietet auch Geschwindigkeit und Vielseitigkeit. Zudem ermöglicht die Kamera eine einfachere Nachbearbeitung dank eines vereinfachten Datenflusses, ohne dass dies die Bildqualität übermäßig beeinträchtigen würde.

www.fbarbian.com