• Une vie

Une vie

Ein Film von 
Stéphane Brizé

Fotos 
Antoine Héberlé , AFC

Mit
Judith Chemla, Jean-Pierre Darroussin, Yolande Moreau

Kinostart
23. November 2016

Une vie ist meine dritte Zusammenarbeit mit dem Filmemacher Stéphane Brizé, der immer wieder seine Art des Filmemachens hinterfragt und, wie er selbst sagt, nach dem „Authentischen“ sucht -  nach dem, was auf der Filmebene „existiert“.

Schon lange vor dem Werk Der Wert des Menschen, in dem er ohne mich neue Systeme ausprobierte, sprach Stéphane davon, den Roman von Guy de Maupassant zu verfilmen. Auf der Grundlage dieser gesammelten Erfahrungen verlangte er von mir nicht nur mehr Freiheit und Flexibilität, sondern auch einen Raum mit maximaler Leere und minimaler Anzahl von Menschen – eine Notwendigkeit für die Schauspieler. Ihr Sichtfeld sollte durch so wenig Filmausrüstung wie möglich beeinträchtigt werden -  idealerweise nur die Stange und die Kamera auf meiner Schulter, die augenblicklich und mit dem nötigen Abstand alles festhält, was passiert.

Nach einigen Tagen – und zwei gemeinsamen Filmen – ließ Stéphane mir freie Hand, um in einer einzigen und anschließend geschnittenen Plansequenz alles notwendige Material für seine Montage zusammenzustellen. Es gab keine Einschränkungen bei der Kadrierung – ich sollte nur festhalten, was passierte, ob in der Szene mit Jeanne und Julien im Schlafzimmer, in der Schlossküche zwischen Jeanne und Rosalie oder im Garten zwischen Jeanne und ihrem Vater ...

Zwischen den einzelnen Aufnahmen gab Stéphane genaue Anweisungen, welche Dinge im Fokus stehen sollten oder ob etwas ganz Anderes, Neues ausprobiert werden sollte, bevor ich mich wieder durch die Tür in diesen separaten Raum einschlich, in dem das Schicksal der Figuren seinen festgelegten spielerischen Lauf nahm. Es hat richtig Spaß gemacht, sich von den Schauspielern mitreißen zu lassen und sich auf ihren Rhythmus einzulassen. Ich musste nur zuhören und meinen Blick auf die Situation richten, die sich in einer echten Zeiteinheit abspielte. Nach jeder Aufnahme musste ich allerdings alles wieder „vergessen“ und so gut wie möglich aus meiner Erinnerung löschen, um mich auf eine neue Bildaufzeichnung einzulassen - ohne ihr vorzugreifen. Wie bei einem Dokumentarfilm, bei dem man nicht weiß, was passiert, auch wenn man es im Gefühl hat, musste ich etwas verzögert und unsicher reagieren.

Während der Vorbereitung verspürten wir beide den Wunsch, den Film analog zu drehen, um die wunderschöne Textur, dieses Material auf dem Material, und das perfekte Hautbild abbilden zu können. Auf der anderen Seite wünschte sich Stéphane, dass ich mit Zoom arbeite, um das Bildfeld unentwegt anzupassen und ihm neben der fließenden Bewegung durch die Schulter unmerklich Leben einzuhauchen. Für die langen Aufnahmen und das Licht, das so gut wie möglich dem der damaligen Epoche entsprechen sollte, arbeiteten wir nachts mit Kerzen und Öllampen – die wir allerdings durch effizientere Petroleumlampen ersetzten, auch wenn diese eigentlich erst gegen Ende der Geschichte um 1855 aufkamen.

Um allen Anforderungen so gut wie möglich gerecht zu werden, führten wir zwei Probeaufnahmen mit Judith Chemla und Jean-Pierre Darroussin in ihrer historischen Kleidung durch -  eine davon vor historischer Kulisse mit einer Aaton Penelope mit drei Perforationslöchern, und eine ganz neue Varicam 35 von Panasonic, die mich durch ihre magische „5 000 ISO“ Einstellung sehr ansprach.

Die Summilux von Leica und die 5219 von Herrn Kodak mit einer zusätzlichen Blende begleiteten uns in der Nacht. Doch wie sollten wir bloß einen T2,8-Zoom nutzen und gleichzeitig 20 Minuten lange Aufnahmen machen, die Stéphane erlaubten, sich alle Freiheiten zu lassen?

Dank der tollen Hilfe von Lionel Kopp von Film Factory haben wir die Bilder der Varicam 35 „bearbeitet“, um eine tolle Textur zu erhalten, dank derer man das eigentliche Filmmaterial vergisst. Durch die 5 000 ISO konnten wir nachts bei Kerzenschein UND mit Zoom drehen -  manchmal sogar mit einem 1,4-Telekonverter!

Bei den Probeaufnahmen verwendeten wir ein Seitenverhältnis von 1:2,35 und von 1:1,33. Dabei ging Stéphane keine Kompromisse ein.

Im Gegensatz zum Scope Format, das der umgebenden Natur sehr viel Platz einräumte, die in der Geschichte sehr wichtig ist, da sie auf die verstreichende Zeit und Jeannes Gefühle verweist, begrenzte und isolierte das 1,33-Format die Figur der Jeanne – von Kopf bis Fuß sowie in der Nahaufnahme –, was wiederum einen mikroskopisch genauen Blick auf ihren inneren Zustand erlaubte. Schlussendlich entschieden wir uns für Letzteres und achteten auf die Haltung.

Um die Spielfläche so wenig wie möglich durch moderne Einflüsse zu „verunreinigen“, erhellten wir die Szene draußen mit 18 kW an einer Hängebühne. Innen gestaltete ich das Licht mit einigen kleinen Reflektoren und manchmal einem LED Panel SL1 oder einem aufladbaren „Flex Light“. Bei Ganzkörperaufnahmen passten die unterschiedlichen Filter das Licht an, das durch die großen Fenster fiel.

Wir haben den Film in drei Teilen gedreht, um die verschiedenen Jahreszeiten einzufangen und das Verstreichen der Zeit einer Geschichte, die sich über 30 Jahre erstreckt, so gut wie möglich darzustellen.

In diesem Hinblick möchte ich die fantastische Arbeit von Garance Van Rossum erwähnen: Durch das raffinierte Make-up, mit dem sie Judith Chemla und die anderen Schauspieler älter oder jünger aussehen ließ, hatten wir beim Dreh viele Freiheiten und konnten auf Special Effects verzichten. Und nicht zu vergessen die Arbeit von Véronique Boitout, die uns mit ihren atemberaubenden Frisuren unterstützte.

Bereits zum dritten Mal arbeitete ich mit Valérie Saradjian zusammen, unserer leitenden Bühnenbildnerin, die sich für dieses Projekt ein nettes kleines Team aus kompetenten Mitarbeitern zusammengestellt hatte.

Und natürlich möchte ich mich auch bei meinem Team bedanken, das sich bestgelaunt auf ein Spiel der Leichtigkeit eingelassen hat! Mit Ausnahme einiger zusätzlicher Hilfskräfte, die uns beim Aufbau aller drei Drehzeiten unterstützten, arbeiteten wir zu fünft.

Team

1. Kameraassistentin: Marie Célette 
2. Kameraassistent: Ludovic Bezault
Leitender Filmelektriker: Stéphane Assié
Filmelektriker: Eric Gardena
Baubühnenmeister: Nicolas Eon

Technik

Kameras Panavision: Panasonic: Panasonic Varicam 35 Zoom Angénieux Optimo 45-120 mm. Ein 1,4 Telekonverter und ein Brennweitenverdoppler haben sich als sehr nützlich erwiesen.
Eine Cooke S3-Serie, von denen nur die 25-mm- und die 32-mm-Ausführung für einige Totalen eingesetzt wurden
Bühnenbau (vor allem der große Fundus von Nicolas) und elektrische Ausrüstung: TSF Grip und TSF Lumière
Labor: Film Factory 
Post Production: Lionel Kopp
Bei den Arbeitskopien wurde auf jede Sequenz das LUT vom Monitoring am Set angewandt und Julija Steponaityte von Film Factory führte Korrekturen durch, bevor sie mir tägliche „Snapshots“ auf das iPad schickte. Am Ende der Woche sahen wir uns alles per FTP an.